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Impression Management, AIDA, Väterchen Frost und Tolstoi

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

möge das neue Jahr euch ein freundliches Gesicht zeigen, schrieb meiner Familie und mir ein lieber Freund in seiner Silvesterpost. Das wünsche ich Ihnen auch! Ziemlich unfreundlich ist es hingegen, wenn Unternehmen nicht antworten. Mein Haus- und Hof-Supermarkt bot an der Kasse Adventskalender mit halbnackten Nikoläusinnen an, direkt neben den Kinder-Lock-Artikeln. Ich finde diese Art der Darstellung sowieso menschenunwürdig und mailte an die Geschäftsleitung, wobei es sehr schwierig war, überhaupt Kontaktdaten zu ermitteln. Kunden sollen kaufen und nicht stören! Eine Antwort? Kam bis heute nicht. Genauso enttäuscht bin ich von einem traditionellen Spielzeugeisenbahnhersteller. Die Kartons und Flyer zeigen immer noch Opas und Papas, die mit ihren – wie könnte es anders ein -– Söhnen spielen. Ich mailte an diese Firma, dass ich selbst schon seit frühester Kindheit die große und die kleine Eisenbahn liebe, Frauen heute als Fahrzeugführerinnen häufig anzutreffen sind und auch das Eisenbahnmuseum Bochum Lokführerinnen ausbildet – die Vereinsfrauen sind nicht nur dazu da, die Hammer schwingenden Kerle zu versorgen und auf den Fahrten das Catering zu übernehmen. Kein Mensch meldete sich. Schade, die Hälfte der Kundschaft auszugrenzen, und wirtschaftlich einfach nur blöd.

Über unseren Eindruck auf andere lesen Sie im Beitrag Impression Management. Nicht nur als Oper oder Kreuzfahrtschiff gibt es AIDA, ein Klassiker, wenn es um das höchste Gut geht, um das wir alle werben: Aufmerksamkeit. Ein Finde-die-Floskel-Abschnitt und Leo Tolstoi beschließen diese Ausgabe.

Die AIDA-Formel: wirksam werben und Erfolge messen

Attention, Interest, Desire, Action: Elmo Lewis, US-amerikanischer Werbe-Stratege, Autor und Lehrer,  formulierte AIDA 1898. Aktuell ist sie bei aller Kritik (mehr darüber in einem der nächsten Newsletter) nach wie vor. Das Gute an AIDA: sie funktioniert branchen- und medienübergreifend; in Ihren Werbebriefen und Webtexten, Ihrem Elevator Pitch, Ihren Social-Media-Präsenzen – wie Sie auch werben bzw. sich darstellen. Wer heute auf sich aufmerksam machen und in der Informationsflut nicht untergehen will, muss sich beim Thema Aufmerksamkeit etwas einfallen lassen. Wem das gelungen ist, der weckt beim nächsten Schritt das Interesse und mit Desire den Wunsch, genau das zu besitzen oder zu nutzen, was Sie zu bieten haben. Und Action: Nach dem Haben-Wollen kommt die Aktion – Ihr Werbeziel ist erreicht (und direkt messbar). In der nächsten Folge befassen wir uns intensiver mit Attention und sukzessive mit den weiteren Schritten.

Impression Management: Eindruck machen wir immer

In jeder Situation, in der wir mit anderen Menschen zu tun haben, hinterlassen wir einen Eindruck, bewusst und unbewusst, verbal und nonverbal. Erving Goffmann, US-amerikanischer Soziologe, beobachtete, dass Menschen versuchen, diesen Eindruck positiv zu beeinflussen, und prägte den Begriff „Impression Management“ 1959 in „The Presentation of Self in Everyday Life“.

Authentizität und ein stimmiger Gesamteindruck überzeugen Kunden und Kundinnen

Wichtig in diesem Zusammenhang sind Selbstbild und Fremdbild – andere sehen uns nicht so, wie wir uns sehen – Selbstkontrolle und unser Rollenverhalten: in einem Vorstellungsgespräch oder einer Kundenpräsentation ist ein anderes Verhalten gefragt als bei einem lockeren Kaffeetrinken. Das heißt nicht, sich zu verstellen (was sowieso nicht klappt und auf die Dauer nicht durchzuhalten ist). Es geht darum, authentisch zu sein, zu dem zu stehen, was wir können und eben auch nicht, betont durch das passende Erscheinungsbild. Interessante Wechselwirkung: damit beeinflussen wir auch unser Selbstbild und agieren entsprechend. Selbstverständlich lässt sich das Ganze auch auf Unternehmen und Organisationen übertragen: das, wofür wir stehen, spiegeln wir überzeugend in unserem Handeln und unserer Kommunikation und füllen es Tag für Tag mit Leben.

In einem Seminar diskutierten wir einmal die Frage, ob eine teilnehmende Schneiderin, die ihre Kunden und Kundinnen zu Hause besucht, dies mit einem ungepflegten Fahrzeug tun könne. Sie meinte ja, sie sei schließlich keine Auto-Fachfrau. Die meisten fanden jedoch, dass ein nicht ganz so gammeliges Auto zu ihrem guten beruflichen Image und einem stimmigen Gesamteindruck beitrage.

Floskeln im Schnee und wohlwollende Gerüche

Es ist Anfang Januar, und die weiße Pracht lässt auf sich warten. Gab es anno Schnee nicht immer einen Winter? Ist die kalte Jahreszeit etwa Schnee von gestern? Wir freuen uns wie die Schneekönige über die erste Schneemeldung, die wir mit dem Schneeballsystem verbreiten, und werden dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne.

Nicht als Floskel, aber auch aus der (russischen) Kälte  kommt Väterchen Frost. Ungewollt komisch wirkte die Formulierung einer Lebensmittel-Fachzeitschrift; die Entwickler mehrerer Froster erhielten den Titel „Väter des Frostens“. Väterchen Frost hieß auch ein schönes Winter-Programm aus Musik und Lyrik, das wir im letzten Februar besuchten. Nett war der Satz der Veranstalterin nach dem Konzert, die auf das anschließende Essen für alle mit den Worten hinwies, die „wohlwollenden Gerüche“ machten sich bereits bemerkbar! Ebenfalls russisch ist unser Zitat:

Man kann alles aussprechen, sich Luft machen, ohne jemanden zu verdammen.

Diesen klugen Rat gibt uns Leo Tolstoi, Tagebücher, 1909. Der russische Schriftsteller, Verfasser von u. a. Krieg und Frieden und Anna Karenina, engagierte sich nicht nur für freundliche Kommunikation, sondern auch für ein besseres Dasein der 350 geerbten Leibeigenen.

Wenn Sie etwas Schwieriges oder Unangenehmes zu sagen oder zu schreiben haben, nehmen Sie sich einfach ein Beispiel an Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi. Hätte er bereits E-Mail genutzt, wäre das Zitat möglicherweise durch den Hinweis „und setzen Sie nicht in der ersten Rage sämtliche Kollegen und Vorgesetzten in Kopie“ ergänzt worden, ein beliebtes Spiel. Mir wurde einmal berichtet, dass ein leitender  Angestellter ein Foto an eine solche Mail gehängt hatte, um in einer Art elektronischem Pranger die Mitarbeiterin einer anderen Abteilung des „Saustalls“ zu bezichtigen – sie hatte Gäste bewirtet und, welch Wunder, nicht auf Knopfdruck alles verschwinden lassen können. Peinlich war das Ganze nur für den Absender.

Vielen Dank fürs Lesen! Im Februar zitiert der Textwecker Jean Paul, verschlankt Ihre Korrespondenz, serviert Teil eins der Serie Kreativitätstechniken, vertieft das Attention von AIDA und erklärt, woher die Redensart „die Gelegenheit beim Schopf packen“ kommt.

Eine schöne Winterzeit für Sie!

Ihre Texterin Petra Große-Stoltenberg

www.textwecker.de

©2014 Petra Große-Stoltenberg

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